Im
Dreieck der Aggression
(aus: Trend 12/01)
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Ein Seminar über Dramadynamik zeigt effiziente Strategien,
um aus Konfliktsituationen heraus wieder zu einem besseren Miteinander
zu kommen.
von Gabriele H. Rosenzopf
“Nur oberflächliche Menschen unterschätzen das äußerlich Wahrnehmbare.”
Oscar Wilde
Montagmorgen. Sie gehen zur Kaffeeküche in Ihrem Büro, um den
wohlverdienten Kaffee zu holen. Da hören Sie schon von weitem
die vertrauten Stimmen Ihrer lieben Kollegen – mit leisem, hämischem
Spott: “Hast schon gehört, was der Maier wieder für eine Aktion
geliefert hat?” Ihre Montagmorgen-Stimmung bekommt einen weiteren
Schlag versetzt. Ärger kommt hoch, und Sie denken sich: “So
ein Dolm ist der Maier wieder nicht, er hat immerhin versucht
das Beste aus der Situation zu machen.” In Ihrem Magen verstärkt
sich das dumpfe Gefühl. Und schon mischen Sie sich verärgert
ins Gespräch ein: “Der Maier ist schon okay!” Der nicht enden
wollende Konflikt der Woche ist vorprogrammiert – Sie sind nämlich
soeben erfolgreich in ein Dramadreieck eingestiegen.
Ende der sechziger Jahre stellte Stephen Karpman1)
ein Modell mit den drei Positionen “Verfolger, Opfer und Retter”
vor, eben das Dramadreieck. Es erklärt die Rollenverteilung,
die hinter jedem dauernden oder immer wiederkehrenden Konflikt
steht. Und damit umzugehen, kann man lernen.
Es
geht los. Am Beginn des zweitägigen Seminars werden Mappen mit
den Seminarunterlagen verteilt, darin befinden sich aber auch
verschiedene Papierstücke: weiße Kreise, rote Rechtecke und
blaue Ovale. Noch während wir uns fragen, was das zu bedeuten
hat, fordert uns der Trainer auf, uns gemäß den jeweils zugeordneten
Papieren in drei Ecken des Raumes zu sammeln.
In einer Ecke stehen die Opfer, in der anderen Ecke die Retter
und in der dritten die Verfolger. Ich bin bei den Opfern gelandet.
Zufall oder Absicht? Im nächsten Schritt sollen wir klassische
Phrasen der jeweiligen Positionen auf die Zettel schreiben.
Im Falle der Opfer lauten diese beispielsweise: “Immer werde
ich benachteiligt”, “Ich kann das einfach nicht” oder “Ich bekomme
nicht, was ich möchte”.
Spätestens hier fühle ich mich das erste Mal ertappt. Habe
ich das nicht auch schon mal gesagt? Ein Gefühl der Leere macht
sich breit, defensiv und traurig ist diese Situation.
Als Nächstes wechseln wir die Position. Wir Opfer wandern in
die Ecke der Retter.
Auf den Papieren lesen wir Sätze wie: “Geht es dir gut?”, “Kann
ich etwas für dich tun?” oder ein wohlbekanntes “Magst du etwas
essen? Du schaust so schlecht aus”. In der Rolle des Retters
fühle ich mich zwar nicht so gelähmt, aber diese aufopfernden
Worte hinterlassen bei mir ein Gefühl von Ungleichgewicht und
Frustration.
Und nun geht es weiter zum Verfolger. Auf den Zetteln steht:
“Was hast du da schon wieder gemacht?”, “Hast du das noch immer
nicht verstanden?” oder “Schon wieder du, eh klar, ich hab’s
ja schon immer gewusst, du wirst dich nie ändern”. Zunächst
wirkt diese Position kraftvoll, aber dahinter stehen Ärger und
Aggression.
Nachdem wir nun die Positionen eingehend kennen und fühlen
gelernt haben, formieren wir uns zu Dreiergruppen, um nach gelungenem
Einstieg ins Dramadreieck auch effiziente Strategien zum Ausstieg
zu erfahren.
Dynamik. Der Grund, warum solche Konstellationen eine Dramadynamik
entwickeln, liegt nicht nur bei der Rollenverteilung. Konflikte
vertiefen sich, wenn sich der Streit immer weiter dreht.
Ein klassisches Beispiel aus der Familientradition: Das
Kind schmeißt etwas runter, der Vater (Verfolger) schreit mit
dem Kind (Opfer), das Kind geht zur Mutter (Retter) und weint,
die Mutter geht zum Vater und streitet mit ihm des Kindes wegen.
In diesem Moment wird sie zum Verfolger des Vaters, und die
Weihnachtsbescherung kann beginnen.
1997 beim Weltkongress für Transaktionsanalyse in Los Angeles
wurde Stephen Karpman gefragt, wie denn, einmal erkannt, ein
Dramadreieck aufgelöst werden könnte. Seine Antwort: “Am besten
lässt man sich erst gar nicht verstricken.” Gemeint war damit:
Der sich immer weiter verstärkende Konfliktprozess muss unterbrochen
werden.
Roman Braun, erster österreichischer NLP-Mastertrainer und
Direktor des Austrian Institute for NLP hat auf Basis des Dramadreiecks
ein Konfliktlösungsmodell namens “TRINERGY®” entwickelt.
Mediatoren, UNO-Verhandler und Naturtalente des Streitschlichtens
wurden befragt und beobachtet. Dazu Braun: “Für normale Unzufriedenheit
ist es zu wenig, wenn es schlecht läuft. Man muss auch noch
ein Drama daraus machen. Beobachtbar ist dies auch bei internationalen
Konflikten. Bei unserem Projekt im Kosovo coachen wir durch
den Krieg traumatisierte Führungskräfte, ehemalige Soldaten,
die jetzt Führungskräfte in Unternehmen sind. Die einstigen
Opfer wurden meist zu Tätern, ließen ihrer Aggression freien
Lauf, und Konflikte eskalierten. Deeskalation heißt nicht, alles
zu vergeben und zu akzeptieren. Die Lösung liegt im Erkennen
des Gegenübers. In der exakten Wahrnehmung der anderen, mit
all ihren Werten, Bedürfnissen und Hoffnungen.”
Der Trainer Roman Braun wirkt sehr kompetent und geht zuvorkommend
auf die individuellen Wünsche der Teilnehmer ein. Ein gutes
Miteinander ist ihm wichtig. Ich habe während des Seminars das
Gefühl, gut beraten zu werden. Was sich vor allem befreiend
auf mich auswirkt, ist, dass ich nicht das übliche “So mache
ich so schnell wie möglich Karriere” -Erfolgsgeplapper hören
muss.
Rollentausch. Am nächsten Tag sind wir alle dazu angehalten,
uns im Kreis aufzustellen. Außen stehen die Verfolger (ich mittlerweile
unter ihnen), in der Mitte die Opfer und schützend hinter ihnen
die Retter. Die Aufgabe der Verfolger ist es nun, die Opfer
mit den aggressiven Phrasen zu konfrontieren. Anfangs fühle
ich mich noch ganz stark in meiner Rolle. Selbstsicher stehe
ich in meiner Position und sage: “Eh klar, das hab ich mir doch
gleich gedacht, dass du das wieder nicht kannst” und “War zu
erwarten, dass du dahinter steckst” etc. die Aggression steigert
sich, die Situation wird immer unangenehmer. Nach der vierten
Runde steht ein neues Opfer vor mir. Ich komme erst gar nicht
dazu, meine Anschuldigungen loszuwerden. Ein kleines, giftgrünes
Rumpelstilzchen brüllt mich mit geballten Fäusten an. Wer ist
jetzt eigentlich das Opfer, frage ich mich, nach Worten ringend.
In diesem Moment wird mir die Dynamik klar. Ich fühle mich schwach
und verletzt. Durch diese Attacke bin ich selbst zum Opfer geworden.
Instinktiv schaue ich mich nach einem wohlgesonnenen Retter
um. Statt die Spirale der Aggression immer weiter nach oben
zu drehen, ist die Eskalation plötzlich unterbrochen, durch
die Konfrontation mit dem eigenen Verhalten. Die erfolgreichste
Art mit einem tobenden, aggressiven Verfolger umzugehen, rät
uns der Trainer: “Stellen Sie Ihrem Angreifer die Frage: ‚Was
ist dir jetzt wirklich wichtig?‘ Das gezielte Ansprechen von
Werten wirkt Wunder. Meistens erkennen wir, dass allen Menschen
ein schönes Leben und ein gutes Miteinander wichtig sind. Jeder
tut das Beste, auf seine Weise. Die Situation beruhigt. Der
Verfolger wird zum Macher, der Retter zum Mentor und das Opfer
zur Muse.”
Die Gesichter der meisten Teilnehmer strahlen nach dieser Übung
Ruhe aus. Wir sind nachdenklich. Ich lasse meine Gedanken ins
Büro schweben.
Es ist wieder Montagmorgen. Ich werde mit mehr Respekt
auf meine Kollegen schauen. Mit neuen Ideen ausgerüstet, wird
die Kaffeeküche Raum für wirkliche Begegnungen. Wir können besser
auf die Bedürfnisse, Gefühle und Wahrnehmungen eingehen und unserer
alltäglichen Kommunikation neue Qualität verleihen. Keine Arena
für sich verstärkende Bösartigkeiten und Sticheleien – bis zum
nächsten ungerechten Tratsch.